Mein Partner hat Zahnarztangst: Wie Angehörige helfen können, ohne Druck zu machen
Der Zahn tut seit Wochen weh und trotzdem wird kein Termin gemacht. Wer mit einem Menschen zusammenlebt, der Angst vor dem Zahnarzt hat, kennt diesen Moment. Man sieht, wie sich etwas verschlechtert, und weiß nicht, ob man etwas sagen soll. Schweigt man, fühlt es sich nach Wegsehen an. Spricht man es an, endet das Gespräch oft im Streit.
Als Angehöriger können Sie den ersten Schritt trotzdem leichter machen. Oft hilft es mehr, Druck herauszunehmen und einen kleinen Schritt mitzugehen, als zum Termin zu drängen.
Warum hilft gutes Zureden bei Zahnarztangst so selten?
Zahnarztangst ist mehr als eine Frage der Willenskraft. Die S3-Leitlinie „Zahnbehandlungsangst beim Erwachsenen“ der zahnmedizinischen Fachgesellschaften (S3 ist die höchste Qualitätsstufe medizinischer Leitlinien) geht davon aus, dass etwa 5 bis 10 Prozent der Bevölkerung eine Zahnbehandlungsangst mit Krankheitswert haben, also eine Angst, die so ausgeprägt ist, dass sie als Erkrankung gilt. Diese Menschen meiden die Behandlung in der Regel. Die Leitlinie beschreibt dazu einen Teufelskreis: Die Angst führt zum Aufschieben, das Aufschieben verschlechtert die Zähne, und der schlechtere Zustand vergrößert die Angst vor dem nächsten Termin.
Wer in diesem Kreis steckt, weiß meist sehr genau, dass er hingehen sollte. Der Hinweis darauf ist also keine Neuigkeit für ihn. Er erhöht vor allem den Druck und unter Druck fällt der erste Schritt selten leichter.
Wovor genau hat Ihr Partner Angst?
Zahnarztangst ist nicht gleich Zahnarztangst. Bei manchen ist es das Geräusch oder die Spritze. Andere fürchten, im Behandlungsstuhl die Kontrolle über den eigenen Körper zu verlieren. Und bei manchen steht etwas ganz anderes im Vordergrund, nämlich Scham, etwa über den Zustand der eigenen Zähne, oder Misstrauen gegenüber dem Praxisteam. Die Leitlinie führt „Misstrauen und Scham gegenüber Zahnärzten und zahnärztlichem Personal“ ausdrücklich als eigene Form der Zahnbehandlungsangst auf.
Fragen Sie deshalb nach, statt zu vermuten. Ein Satz wie „Was genau macht dir daran Angst?“ öffnet oft mehr als ein Ratschlag. Und hören Sie zu, ohne gleich eine Lösung anzubieten.
Was sollten Angehörige besser nicht sagen?
Vorwürfe über den Zustand der Zähne treffen genau dort, wo die Scham sitzt. Auch gut gemeinte Vergleiche wie „Bei mir tut das doch auch nicht weh“ helfen selten. Sie zeigen dem anderen vor allem, dass seine Angst nicht ernst genommen wird. Dasselbe gilt für Witze über den Bohrer. Schreckensgeschichten aus dem Bekanntenkreis gehören ohnehin nicht in dieses Gespräch.
Wie sieht ein erster kleiner Schritt aus?
Der erste Schritt muss nicht der Behandlungstermin sein. Er kann viel kleiner ausfallen: gemeinsam nach einer Zahnarztpraxis suchen, die auf Angstpatienten eingestellt ist, oder zusammen eine E-Mail an eine solche Praxis schreiben. Wenn es gar nicht anders geht, können auch Sie als Vertrauensperson den Kontakt übernehmen. Darauf weisen wir auch in unseren Hinweisen unter „Erst mal kleine Schritte“ hin. Wichtig ist nur, dass Ihr Partner das ausdrücklich möchte.
Hilfreich ist auch, die Sorge vor dem ersten Termin konkret zu machen. Beim ersten Kontakt lässt sich fragen, ob zunächst nur ein Gespräch stattfindet, bei dem nicht behandelt wird. Und ob ein Handzeichen vereinbart werden kann, mit dem sich die Behandlung jederzeit unterbrechen lässt. Wer weiß, dass er aussteigen kann, steigt oft leichter ein.
Bieten Sie an mitzukommen. Ob Sie mit ins Behandlungszimmer dürfen, regelt jede Praxis selbst. Fragen kostet nichts.
Was, wenn Sie selbst Angst vor dem Zahnarzt haben?
Dann dürfen Sie die Begleitung guten Gewissens jemand anderem überlassen. Wer selbst angespannt im Wartezimmer sitzt, kann schwer Ruhe ausstrahlen. Das heißt nicht, dass Sie sich heraushalten müssen: Beim Suchen der Praxis, beim Formulieren der E-Mail und im Gespräch zu Hause helfen Sie genauso. Nur den Termin selbst begleitet besser jemand, der dabei gelassen bleibt.
Wann braucht es mehr als Unterstützung zu Hause?
Bei einer Angst mit Krankheitswert empfiehlt die Leitlinie, die derzeit überarbeitet wird, als erste Wahl eine kognitive Verhaltenstherapie, also eine Psychotherapie, die gezielt am Umgang mit der Angst ansetzt. Das ist kein letzter Ausweg, sondern der Weg, den die Fachleute an erster Stelle nennen. Wer ihn vorschlägt, nimmt die Angst ernst.
Und vielleicht ist das Wichtigste, was Sie Ihrem Partner sagen können, ganz einfach: dass er mit seiner Angst nicht allein ist und dass Sie da sind, auch wenn es noch eine Weile dauert.