Wenn schon das Geräusch des Bohrers Angst macht: Wie sich Zahnarztangst heute besser steuern lässt
Haben Sie Angst davor, zum Zahnarzt oder zur Zahnärztin zu gehen? Dann klingt der Gedanke, sich eines Tages sogar auf einen Termin zu freuen, für Sie vermutlich unerreichbar. Ein Radiobeitrag der Wissenschaftssendung Quarks (WDR 5) hat genau diese Möglichkeit vor Kurzem hörbar gemacht, am Beispiel einer Frau, die den Zahnarzt jahrzehntelang gemieden hat und heute wieder zur Vorsorge geht. Ihre Angst ist nicht verschwunden. Aber sie bestimmt nicht mehr ihr Leben. Wir nehmen den Beitrag zum Anlass, in Ruhe zu ordnen, was heute wirklich hilft, wenn die Angst vor der Behandlung größer ist als alles andere.
Wie viele Menschen kennen die Angst vor dem Zahnarzt?
Sie sind mit diesem Gefühl nicht allein. Laut dem Quarks-Beitrag haben in Deutschland etwa 10 bis 15 Prozent der Erwachsenen eine ausgeprägte Zahnarztangst. 2 bis 5 Prozent meiden den Zahnarzt über Jahre hinweg so konsequent, dass Fachleute von einer Zahnarztphobie sprechen, auch Dentalphobie genannt, also der ausgeprägten, krankhaften Angst vor der zahnärztlichen Behandlung. Fachliche Übersichtsarbeiten kommen je nach Definition auf ähnliche Größenordnungen. Die Zahlen zeigen vor allem eines: Wer betroffen ist, gehört zu einer sehr großen Gruppe.
Woher die Angst oft kommt
Für viele beginnt sie früh. „Das war dann eher so eine Situation wie bei einem Metzger“, erinnert sich die Frau im Beitrag an Zahnarztbesuche aus ihrer Kindheit. Man habe sie nicht berührt, um sie zu beruhigen, sondern festgehalten, damit sie stillhält. Was als Kind beginnt, bleibt oft jahrzehntelang. Termine werden gemacht und wieder verschoben, und mit jedem Aufschub wächst das schlechte Gefühl. Dabei steht ein solches Leben ansonsten fest auf dem Boden, mit Familie, Beruf und Verantwortung. Nur beim Thema Zahnarzt gerät alles ins Wanken.
Warum hinter der Angst oft noch etwas anderes steckt
Bei vielen Menschen komme zur Angst ein zweites Gefühl hinzu, das seltener offen ausgesprochen wird: Scham. Dr. Hoppe schildert im Beitrag, dass für einen großen Teil der Betroffenen die Scham über den Zustand der Zähne am Ende schwerer wiege als die Angst vor dem Eingriff selbst. Wer das kennt, verschiebt einen Termin nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil sich schon der Gang zur Anmeldung anfühlt wie ein Urteil.
Genau hier setzt an, was der Frau im Beitrag geholfen hat. Entscheidend sei nicht ein bestimmtes Gerät gewesen, sondern dass ihr niemand Vorwürfe gemacht habe. Kein „Warum kommen Sie erst jetzt“, keine abschätzigen Blicke. „Ich vertraue diesen Menschen hier zu 100 Prozent“, sagt sie. Erst dieses Vertrauen habe die Behandlung überhaupt möglich gemacht.
Was sich in der Zahnmedizin für Angstpatienten verändert hat
Wichtig zu wissen, bevor es um Technik geht: Der erste Schritt ist fast nie die Behandlung, sondern das Gespräch. Erst danach stellt sich die Frage nach dem Wie. Für die eigentliche Behandlung gibt es heute mehrere Wege, die Angst und Schmerz aus der Situation nehmen sollen. Dazu gehören Lachgas zur leichten Beruhigung, der Dämmerschlaf, also eine flache Betäubung, bei der Sie ansprechbar bleiben, und in ausgeprägten Fällen die Vollnarkose. Welcher Weg für Sie geeignet ist, lässt sich nur nach einer persönlichen Untersuchung und im Gespräch sagen.
Die Vollnarkose beschreibt Dr. Hoppe im Beitrag ausdrücklich nicht als Dauerlösung, sondern als Zwischenschritt: als Möglichkeit, einen Menschen wieder in einen Zustand zu bringen, in dem er die nächsten Schritte selbst gehen und eine Routine aufbauen kann. Für die Frau im Beitrag war die Vollnarkose der einzige Weg, einen größeren Eingriff mit Knochenaufbau und mehreren Implantaten überhaupt zuzulassen. Heute kommt sie zur normalen Vorsorge.
Kann eine VR-Brille bei der Angst helfen?
Auch die Forschung sucht nach neuen Wegen. An der Uniklinik Köln untersucht ein Team um Professorin Anja Liebermann, ob sich die Angst mit einer VR-Brille senken lässt, also einer Brille, die vor den Augen eine andere Umgebung vorspielt. Die Patientinnen und Patienten konnten zwischen verschiedenen Welten wählen, etwa Meer, Berge oder Wald, unterlegt mit ruhiger Musik. Den Angaben aus dem Beitrag zufolge sanken im Durchschnitt Blutdruck und Angstgefühle, während die Brille im Wartezimmer getragen wurde.
Ehrlich bleibt dabei: Nicht jeder empfand die Brille als hilfreich, und man müsse jeweils prüfen, für wen sie geeignet sei. Die Forscherinnen sehen Möglichkeiten, solche Brillen künftig auch während der Behandlung und bei Kindern einzusetzen. Abgeschlossen ist diese Entwicklung nicht, aber sie zeigt, wohin die Reise gehen kann.
Was Sie selbst tun können und was Sie erwarten dürfen
Wenn die Angst Sie bisher abgehalten hat, ist der wichtigste Schritt ein kleiner: ein erstes Gespräch, in dem nicht behandelt wird und in dem Sie nichts entscheiden müssen. Eine Zahnarztpraxis, die auf Angstpatienten eingestellt ist, plant genau dafür Zeit ein. Sie dürfen erwarten, dass Sie mit Ihrer Angst ernst genommen und nicht allein gelassen werden, und dass niemand Sie für die Vergangenheit verurteilt.
Ein Gedanke noch, falls Sie Kinder haben. Kinder spüren die Anspannung der Eltern oft, bevor ein Wort fällt. Fachleute raten deshalb, kleine Kinder nicht mit in die eigene, angstbesetzte Behandlung zu nehmen, damit sich die Angst nicht überträgt.
Und die Erwartung an sich selbst? Zahnarztangst verschwindet meist nicht vollständig. Aber sie lässt sich steuern, mit Zeit, mit Vertrauen und mit einer Zahnmedizin, die heute mehr Möglichkeiten hat als früher. „Die Angst ist immer noch da“, sagt die Frau am Ende des Beitrags, „aber es ist erträglich, weil ich weiß, dass man sich um mich kümmert.“ Vielleicht beginnt genau damit ein erster, neuer Versuch.