Was die neue Mundgesundheitsstudie über Zahnarztangst und Zähne zeigt
Am Abend vor dem Zahnarzttermin schlafen Sie schlechter. Im Wartezimmer zählen Sie die Minuten und wenn der Bohrer anläuft, verkrampfen sich die Hände. Zahnarztangst würden Sie das trotzdem nicht nennen. Sie gehen ja hin, meistens dann, wenn etwas wehtut, und den nächsten Kontrolltermin vereinbaren Sie lieber später.
Wie viele Menschen in Deutschland ähnlich empfinden und was das mit ihren Zähnen zu tun hat, zeigen jetzt neue Zahlen. Bei starker Angst fanden Forschende deutlich häufiger unbehandelte Karies, schwere Entzündungen des Zahnbetts und Lücken im Gebiss. Bei einem dieser Befunde zeigte sich der Unterschied schon bei mittlerer Angst, also genau in der Lage, die man selbst gern für harmlos hält.
Wie viele Menschen in Deutschland haben Angst vor dem Zahnarzt?
Die Zahlen stammen aus der Deutschen Mundgesundheitsstudie, die inzwischen in der sechsten Auflage vorliegt. Sie ist so angelegt, dass ihre Teilnehmer zusammen die Bevölkerung abbilden. Zahnärzte untersuchen deren Zähne, außerdem füllen die Teilnehmer Fragebögen aus. Ein Forschungsteam um Sonja Derman hat daraus ausgewertet, wie Angst vor dem Zahnarzt und Zahngesundheit zusammenhängen. Die Auswertung zu Zahnarztangst und Mundgesundheit ist 2026 in einer Fachzeitschrift erschienen.
Einbezogen wurden 873 Erwachsene zwischen 35 und 44 Jahren und 751 Menschen zwischen 65 und 74 Jahren. Ihre Angst wurde mit einem kurzen Fragebogen erfasst und in drei Stufen eingeteilt: keine oder leichte Angst, mittlere Angst und starke Angst bis hin zur Phobie, also einer Angst, die so groß ist, dass sie den Gang zum Zahnarzt verhindern kann.
Bei den 35- bis 44-Jährigen gaben 26,4 Prozent mittlere oder starke Angst an, bei den 65- bis 74-Jährigen 22,8 Prozent. Mittlere Angst allein hatten 16,9 beziehungsweise 15,2 Prozent, starke Angst bis hin zur Phobie 9,5 beziehungsweise 7,6 Prozent. Frauen waren in beiden Altersgruppen häufiger betroffen. Im mittleren Lebensalter hat damit rund jeder Vierte mehr als nur ein mulmiges Gefühl, wenn es um den Zahnarzt geht.
Der Anteil der Menschen mit sehr großer Angst könnte dabei eher zu niedrig ausfallen. Wer aus Angst gar nicht erst zur Untersuchung kam, ist in der Studie nicht erfasst. Die Forschenden halten es deshalb für möglich, dass der Anteil der Menschen mit Phobie unterschätzt wird.
Sieht man die Angst den Zähnen an?
Um das zu beantworten, haben die Forschenden die Untersuchungsergebnisse der drei Angststufen miteinander verglichen. Eines davon betrifft die Parodontitis. Das ist eine Entzündung des Zahnhalteapparats, also des Gewebes, das den Zahn im Kiefer hält, und sie kann unbehandelt zu Zahnverlust führen. Am deutlichsten waren die Unterschiede bei starker Angst, bei der Parodontitis zeigte sich aber schon bei mittlerer Angst ein Anstieg:
- Schwere Parodontitis: Bei den 35- bis 44-Jährigen hatten 14,7 Prozent der Menschen ohne oder mit leichter Angst eine schwere Form, bei mittlerer Angst 19,7 Prozent und bei starker Angst 24,8 Prozent.
- Unbehandelte Karies: In derselben Altersgruppe waren bei starker Angst im Schnitt 1,0 Zähne kariös und noch nicht behandelt, bei keiner, leichter oder mittlerer Angst 0,4.
- Fehlende Zähne: Bei den 65- bis 74-Jährigen fehlten bei starker Angst im Schnitt 11,9 Zähne, bei mittlerer Angst 8,6 und bei keiner oder leichter Angst 8,3. Nicht durch Zahnersatz geschlossen waren davon 4,3, 2,0 und 1,8 Lücken.
Über beide Altersgruppen betrachtet schreiben die Forschenden, dass Karies, Parodontitis und fehlende Zähne schon mit mittlerer Angst zunähmen und bei starker Angst noch häufiger seien, auch wenn der Unterschied bei mittlerer Angst teils gering ist. Den Grund für den höheren Behandlungsbedarf sehen sie darin, dass mehr Karies unbehandelt bleibe, mehr Parodontitis behandelt werden müsse und mehr Lücken nicht geschlossen seien. Ein großer Teil dessen, was die Studie zählt, sind also Behandlungen, die noch ausstehen.
Macht die Angst die Zähne krank?
So einfach lässt sich das nicht sagen und die Studie behauptet es auch nicht. Sie ist eine Momentaufnahme. Sie zeigt, dass Angst und schlechtere Zähne häufig zusammen auftreten, kann aber nicht nachweisen, was davon die Ursache ist. Die Forschenden halten ein Zusammenspiel für wahrscheinlich: das Vermeiden von Terminen, der Stress, den die Angst auslöst, und Gewohnheiten im Alltag.
Was das Vermeiden bewirken kann, beschreiben auch die zahnärztlichen Fachgesellschaften in ihrer Behandlungsempfehlung zum Thema, der S3-Leitlinie „Zahnbehandlungsangst beim Erwachsenen“. Sie spricht von einem Teufelskreis: Wer Angst hat, schiebt die Behandlung auf. Die Zähne werden schlechter, man rechnet mit größeren Eingriffen, und diese Erwartung verstärkt die Angst. Wie sich dieser Kreis im Alltag anfühlt, beschreiben wir auf unserer Startseite im Abschnitt „Gefangen im Teufelskreis“.
Was können Sie tun, wenn Ihre Angst eher mittel ist?
Wenn das Aufschieben einen Teil des Problems ausmacht, wie die Forschenden vermuten, dann liegt dort auch der Hebel. Das wissen Sie vermutlich selbst und es ist leichter gesagt als getan. Es muss aber nicht heißen, dass Sie Ihre Angst erst loswerden müssen. Es reicht, den Termin nicht erst dann zu machen, wenn etwas wehtut.
Sagen Sie bei der Terminvereinbarung, dass Sie Angst haben. Fragen Sie, ob der erste Termin nur ein Gespräch und eine Untersuchung sein kann. Und vereinbaren Sie den nächsten Kontrolltermin gleich mit, bevor die Angst wieder Gründe findet, ihn zu verschieben.