Wenn nicht die Angst der Grund ist, sondern die Scham: Warum der Zahnarztbesuch immer weiter aufgeschoben wird
Viele Menschen, die den Zahnarztbesuch seit Jahren meiden, beschreiben etwas, das sie selbst überrascht: Es ist gar nicht mehr in erster Linie die Angst vorm Zahnarzt. Es ist vielmehr der Gedanke daran, wie es im Mund inzwischen aussieht. Der Gedanke an die Vorstellung, sich hinzulegen, den Mund zu öffnen und dabei beobachtet zu werden von jemandem, der genau erkennt, wie lange nichts passiert ist.
Diese Scham wird selten ausgesprochen. Sie wirkt aber, zusätzlich zur Angst, wie ein zweites Schloss vor der Praxistür, und oft ist sie das stabilere von beiden.
Wie aus einmal Aufschieben ein Kreislauf wird
Dass Angst und Vermeidung sich gegenseitig verstärken, ist fachlich gut beschrieben. Die S3-Leitlinie „Zahnbehandlungsangst beim Erwachsenen“ führt dazu ein Modell an, das auf Berggren und Meynert zurückgeht: Angst führt zur Vermeidung der Behandlung, dadurch verschlechtert sich die Zahngesundheit, und damit wächst die Erwartung, dass der nächste Termin größer und unangenehmer wird als der vorige. Diese Erwartung erhöht die Angst weiter.
An dieser Stelle setzt die Scham an. Je länger die Pause dauert, desto mehr gibt es aus Sicht der Betroffenen zu erklären. Wer einen Termin vereinbart, rechnet nicht nur mit einer Behandlung, sondern mit einer Bewertung der vergangenen Jahre. Und weil niemand gern bewertet wird, verschiebt man den Termin erneut. Der Kreislauf schließt sich, ohne dass ein einziger Bohrer gelaufen wäre.
Was viele überraschen dürfte: Dieses Muster ist in der Fachwelt so bekannt, dass es einen eigenen Platz in der Systematik hat. Die Leitlinie unterscheidet vier Gruppen von Zahnbehandlungsangst, und eine davon ist ausdrücklich „Misstrauen und Scham gegenüber Zahnärzten und zahnärztlichem Personal“. Es handelt sich also nicht um eine persönliche Empfindlichkeit, sondern um ein beschriebenes, wiederkehrendes Muster.
Sie sind damit nicht allein
Ausgeprägte Zahnbehandlungsangst mit Krankheitswert betrifft nach Angaben der Leitlinie etwa 5 bis 10 Prozent der Bevölkerung, und diese Menschen vermeiden die Behandlung in aller Regel. Das sind, hochgerechnet, mehrere Millionen Erwachsene in Deutschland. Die Vorstellung, ein Sonderfall zu sein, trifft also fast nie zu. In einer Praxis, die regelmäßig mit Angstpatienten arbeitet, ist ein über Jahre vermiedener Mund keine Ausnahme, sondern Alltag.
Das ist der Punkt, an dem sich etwas ändern lässt. Nicht an den Zähnen zuerst, sondern an der Erwartung, dafür geradestehen zu müssen.
Was den ersten Schritt leichter macht
Es hilft, die Scham beim Namen zu nennen, statt sie zu umgehen. Ein Satz am Telefon genügt oft: dass Sie lange nicht da waren, dass Ihnen das unangenehm ist und dass Sie deshalb ein Gespräch möchten, bei dem noch nicht behandelt wird. Wer so anruft, hat die schwierigste Hürde bereits genommen, und das Praxisteam weiß von der ersten Minute an, worauf es ankommt.
Achten Sie in diesem ersten Gespräch weniger auf die Technik als auf den Ton. Werden Sie gefragt, wann Sie zuletzt da waren, und wie klingt diese Frage? Wird Ihnen erklärt, was Sie erwartet, bevor etwas geschieht? Bekommen Sie ein Zeichen, mit dem Sie jederzeit unterbrechen können? Diese Kleinigkeiten sagen mehr über den Umgang mit Angstpatienten aus als jede Geräteliste.
Und es hilft, den ersten Termin klein zu halten. Ein Kennenlernen ohne Behandlung ist eine übliche und legitime Bitte. Es gibt keinen fachlichen Grund, beim ersten Besuch bereits zu bohren, und ein Behandlungsplan lässt sich in Abschnitte teilen, die überschaubar bleiben.
Eine ehrliche Einordnung
Scham verschwindet nicht dadurch, dass jemand freundlich ist. Sie wird erträglicher, wenn die Reaktion, mit der man rechnet, ausbleibt: keine Vorwürfe, keine Bemerkung über die verlorenen Jahre. Bleibt sie aus, verliert der Termin einen großen Teil seines Schreckens, und der zweite fällt leichter als der erste.
Wie lange der Weg dauert und welche Behandlung im Einzelfall sinnvoll ist, lässt sich erst nach einer Untersuchung sagen. Der erste Schritt aber ist immer derselbe, und er kostet nichts außer Überwindung: ein Anruf, bei dem Sie sagen dürfen, wie es Ihnen geht.
Erfahrungsberichte von Menschen, die diesen Weg hinter sich haben, finden Sie unter „Wir haben es auch geschafft„.